

Funktioniert das Städtebau-Feeling auch als Brettspiel?
Häuser stapeln, Parks anlegen, Wasserflächen planen – «Cities» bringt das Thema Städtebau aufs Spielbrett. Aber macht das auch als Familienspiel wirklich Spass?
Ein Hochhaus bauen, den Park mit Brunnen verschönern und einen See anlegen: Nächtelang sass ich in den 1990er-Jahren vor dem Computer und spielte die Städtebausimulation «SimCity». Aufbauen, Kreisläufe optimieren, Strategien testen – das funktionierte für mich im Videospiel perfekt.
Kann das Brettspiel «Cities» vom Kosmos-Verlag ein ähnliches Gefühl erzeugen? Die Ausgangslage klingt vielversprechend: Zwei bis vier Spielende ab zehn Jahren bauen ein Stadtviertel auf. Ziel ist es, möglichst viele Anforderungen des Stadtrates zu erfüllen und dafür Punkte zu sammeln.
Runde für Runde setzen wir Arbeitende ein, um Platten mit Baufeldern, Gebäudeteile, Parks, Wasserfelder und zusätzliche Bauaufträge zu ergattern. Alle Spielenden erhalten pro Runde Elemente aus allen vier Bereichen, bis das eigene Stadtviertel aus jeweils drei mal drei Platten besteht.

Punkte gibt es für unterschiedliche Dinge: Drei Aufträge gelten für alle – je schneller du sie erfüllst, desto mehr Punkte winken. Dazu kommen acht persönliche Aufträge, die du im Laufe der Partie sammelst und erfüllen musst. Manchmal zählen blaue Gebäude, manchmal ein möglichst grosser Park. Auch für unterschiedliche Park- und Wasserplättchen gibt es eine Belohnung.

Spielidee und Originalität
Tatsächlich kommt im Spiel etwas «SimCity»-Feeling auf. In den acht Runden entsteht ein Stadtviertel mit unterschiedlichen Gebäuden, Parks und Wasserflächen. Da nicht von Anfang an klar ist, welche Kombination die meisten Punkte bringt, musst du deine Taktik laufend anpassen.
Das macht das klassische «Workerplacement» erst so richtig spannend. Es kann sich lohnen, die allgemeinen Aufträge schnell zu erfüllen – oder sich auf die eigenen, besonders punkteträchtigen Aufträge zu konzentrieren.

Spielmaterial und Qualität
Mit den stapelbaren Kunststoffteilen bis zu vierstöckige Hochhäuser zu bauen, macht Spass. Auch fühlen sich die Karten und Plättchen wertig an und sind durchdacht gestaltet.
Ein paar Abzüge gibt’s trotzdem: Die Grafik ist ein undefinierbarer Mix aus Realismus und Comic – weder Fisch noch Vogel. Eine klare Stilentscheidung hätte gut getan. Aus meiner Sicht wäre eine realistische Umsetzung stimmiger gewesen.
Zudem kommt das Spiel in einer Schachtel ohne Einteilung. Die kleinen Teile werden in Plastikbeutel gefüllt, nur für die Häuschen gibt es einen Stoffbeutel. Die grossen Bauplatten und die Auftragskarten liegen lose in der Box. Diese ist zudem so klein, dass das Verräumen einer Partie «Tetris» gleicht. Wer alles einfach in die Schachtel wirft, bekommt den Deckel kaum noch zu.

Regelwerk und Verständlichkeit
Die Regeln sind übersichtlich und auf nur vier Seiten gut erklärt. Auch Jugendliche und ältere Kinder finden sich problemlos zurecht. Praktisch ist die Kosmos Erklär-App, die kostenlos für iPhone, Android und Amazon verfügbar ist. Damit musst du gar keine Spielregeln mehr lesen. Tipp: Die App lässt sich auch ohne Spiel ausprobieren und bietet einen ersten Eindruck vor dem Kauf.

Spielspass und Engagement
Eine Stadt aufzubauen, ist bereits ein hoher Spielreiz und sorgte in allen Runden für grosse Motivation. Dass ich sofort und laufend bauen kann und keine langen Vorbereitungen nötig sind, sorgt für einen durchgehenden Spannungsbogen.
Herausfordernd ist allerdings die Vielzahl an Möglichkeiten, die sich mit jeder Runde erweitert. Ich stecke dauernd im Dilemma: Ich habe Dutzende gute Pläne, kann aber nur eine Handvoll verwirklichen. Wer das nicht aushält, ist schnell frustriert.

Positiv: Es gibt keine eindeutig überlegene Strategie. Wer sich in einer Runde verzockt, kann in der nächsten wieder aufholen. Der Punktestand war in allen Partien knapp – und machte die Auswertung bis zu den letzten Siegpunkten spannend.
Weil die Balance stimmt und der Glücksfaktor gering bleibt, eignet sich «Cities» tatsächlich für die ganze Familie. Menschen mit unterschiedlichen Spielerfahrungen können problemlos zusammen zocken.
Einziger Schwachpunkt: Das Spiel zu zweit läuft weniger rund. Weil jede Person doppelt so viele Aufträge bekommt, dauern Entscheidungen länger und das Spiel verliert an Tempo. Die Resultate wirken dadurch etwas beliebiger.
Interaktion zwischen den Spielenden
Ich muss meine Baupläne laufend an die wechselnden Punktebedingungen anpassen. Dabei gilt es abzuwägen: Soll ich das gewünschte Bauteil sofort sichern oder erst eine passende Bauplatte nehmen? Da ich nur ein Element pro Zug holen kann, ist das Risiko hoch, dass mir jemand anderes zuvorkommt. Zwar baut jede Person ihr eigenes Viertel, dennoch behalte ich die Konkurrenz stets im Blick.

Wiederspielwert
Dank der knappen Resultate bleibt die Motivation hoch, es in der nächsten Partie besser zu machen. Eine Runde dauert zwar 45 bis 60 Minuten – für Familien reicht das in der Regel völlig aus. Trotzdem: «Cities» hat das Potenzial, ein moderner Klassiker zu werden, der über Jahre immer hinweg aus dem Spieleschrank geholt wird.

Für Abwechslung sorgen die acht Stadtpläne, von denen jede Variante eigene Schwerpunkte setzt. In New York etwa zählen hohe Gebäude, in Venedig dominieren Wasserflächen.
Fazit
Kandidat für das «Spiel des Jahres»
Das Strategiespiel richtet sich nicht an Kenner, sondern an Familien und Gelegenheitsspielende. Der Bau von Stadtvierteln mit Hochhäusern, Parks und Wasserflächen begeistert aber auch erfahrene Spielende.
Besonders überzeugt die Möglichkeit, mit unterschiedlichen Taktiken erfolgreich zu sein – ohne dass das Spiel unnötig komplex wird. Die Regeln sind verständlich, das Material hochwertig. Nur die kleine, unpraktische Schachtel trübt den Gesamteindruck.
Am Besten sind Partien mit drei oder vier Personen – zu zweit ist der Spielspass etwas reduziert. Trotzdem: «Cities» gehört verdient in die Auswahl zum «Spiel des Jahres». Und selbst wenn es den Titel nicht gewinnt, wird es einen festen Platz in vielen Familienspiel-Sammlung finden.
Pro
- spannendes Städtebauthema
- ausgewogene Partien
- begeistert eine grosse Zielgruppe
- haptisches Bauerlebnis
- geringer Glücksfaktor
Contra
- bei zwei Spielenden schwächer
- Material findet kaum Platz in der Schachtel

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Gadgets sind meine Passion – egal ob man sie für Homeoffice, Haushalt, Smart Home, Sport oder Vergnügen braucht. Oder natürlich auch fürs grosse Hobby neben der Familie, nämlich fürs Angeln.