Paintbucket Games
Kritik

«The Darkest Files» ist schon jetzt eines der eindrucksvollsten narrativen Spiele des Jahres

Kim Muntinga
28/3/2025
Bilder: Kim Muntinga

«The Darkest Files» bietet keine große Action, kein Spektakel. Es ist es ein stimmungsvolles Visual Novel, in dem ich zur Ermittlerin und Nazi-Jägerin werde, und ein intensives, historisch fundiertes Spielerlebnis über das Verdrängen, Vergessen und Erinnern.

Ich sitze an einem alten Schreibtisch. Vor mir: vergilbte Akten, Aussagen von Zeitzeugen, ein Bericht über einen alten Kriminalfall. Ich spiele Esther Katz, eine junge Staatsanwältin im Westdeutschland der 1950er Jahre. Mein Auftrag: NS-Verbrechen aufdecken und die Täter vor Gericht bringen.

Was wie ein spannender Krimi beginnt, ist in Wahrheit ein ernstes, bedrückendes und hochaktuelles Spiel. «The Darkest Files» schickt mich auf eine Reise durch echte deutsche Geschichte – und macht mich zur Ermittlerin in einer Zeit, in der viele lieber geschwiegen haben.

Ich lese, recherchiere, befrage Überlebende, konfrontiere ehemalige Nazis – und merke schnell: Dieses Spiel will nicht unterhalten. Es will erinnern. Es will, dass ich mich mit dem Unvorstellbaren auseinandersetze.

Und genau das hat es bei mir geschafft.

Ein Blick in die Vergangenheit: Deutschland in den 1950er Jahren

«The Darkest Files» spielt in einer Zeit, über die kaum gesprochen wird – nicht in der Schule, nicht in Filmen, und schon gar nicht in Videospielen. Die Handlung beginnt etwa zehn Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Westdeutschland liegt nicht mehr in Trümmern, im Gegenteil: Es erlebt gerade das sogenannte «Wirtschaftswunder». Die Menschen bauen auf, schauen nach vorn – und viele möchten am liebsten vergessen, was zwischen 1933 und 1945 geschehen ist.

Doch das bedeutet nicht, dass die Täter verschwunden sind. Viele von ihnen haben neue Jobs – als Beamte, Lehrer, Richter oder Polizisten. Nur wenige Prozesse gegen NS-Verbrecher werden überhaupt geführt. Die juristische Aufarbeitung des Holocaust und der Konzentrationslager steht noch ganz am Anfang.

Im Spiel schlüpfe ich in die Rolle der jungen, neuen Staatsanwältin Esther Katz.
Im Spiel schlüpfe ich in die Rolle der jungen, neuen Staatsanwältin Esther Katz.

In genau dieses Klima wirft mich das Spiel hinein. Ich arbeite als junge Staatsanwältin in einem Land, das die Vergangenheit lieber verdrängt. Meine Kollegen haben ihre eigenen Fälle und Probleme. Wir alle verfolgen allerdings dasselbe Ziel und arbeiten als Nazi-Jäger. Die Gesellschaft reagiert auf unser Schaffen oft feindselig.

Ich bekomme anonyme Drohbriefe, werde auf der Straße angespuckt, spüre Ablehnung und offene Missgunst. Zeugen haben Angst, schweigen oder lügen, beziehungsweise erzählen mir in Vernehmungen nur Halbwahrheiten. Die Akten, die ich öffne, berichten von grausamen Taten – ganz sachlich, ganz nüchtern.

Anonyme Drohbriefe machen mir das Leben und die Arbeit nicht einfacher.
Anonyme Drohbriefe machen mir das Leben und die Arbeit nicht einfacher.

Was mir das Spiel dabei eindrücklich zeigt: Es war nicht nur schwer, Beweise zu finden – es war auch gefährlich, überhaupt Fragen zu stellen. Die Vergangenheit war nicht nur schmerzhaft – sie war politisch hochbrisant.

«The Darkest Files» greift dabei echte historische Fälle auf und verwebt sie zu einer fiktiven, aber authentischen Geschichte. Ich habe nicht das Gefühl, etwas zu «spielen». Ich habe das Gefühl, durch ein Stück Realität zu gehen, das unbequem und lange übersehen wurde.

Im ersten Fall erhebe ich Anklage gegen drei NS-Verbrecher wegen Mordes an Hans Naumann.
Im ersten Fall erhebe ich Anklage gegen drei NS-Verbrecher wegen Mordes an Hans Naumann.

Zwischen Akten, Aussagen und Abgründen: So spielt sich «The Darkest Files»

Als ich mit dem Spiel begann, war ich nicht sicher, was mich erwartet. Wird das ein klassisches Point-and-Click-Adventure? Ein interaktiver Roman? Tatsächlich ist «The Darkest Files» irgendwo dazwischen – ruhig, konzentriert, aber nie langweilig.

Im Büro meiner neuen Arbeitsstelle lerne ich in der Ich-Perspektive als Erstes die Assistentin Paula Fischer kennen.
Im Büro meiner neuen Arbeitsstelle lerne ich in der Ich-Perspektive als Erstes die Assistentin Paula Fischer kennen.

Mein Arbeitsalltag als Esther Katz besteht vor allem aus akribischer Ermittlungsarbeit: Ich erhalte Akten, lese Zeugenaussagen, Berichte und handschriftliche Notizen. Ich vergleiche Informationen, ziehe Querverbindungen, markiere Widersprüche. Vieles passiert im Kopf. Denn jede dieser Aussagen ist nicht nur ein Puzzlestück, sondern ein Stück Schicksal eines Menschen.

Dabei spiele ich das Ganze aus der Ego-Perspektive – ich sehe durch Esthers Augen. Mal sitze ich an meinem Schreibtisch, spreche mit der Assistentin Paula Fischer oder informiere meinen Chef Dr. Fritz Bauer über die aktuellen Ermittlungen. Dabei handelt es sich um weniger bekannte Verbrechen des Regimes. Doch der Holocaust, das große, systematische Grauen, ist dabei immer präsent. Er liegt wie ein dunkler Schatten über jeder Aussage, jedem Dokument, das ich öffne. In anderen Momenten tauche ich in alte Erinnerungen von mir oder von Zeugen ein.

Die Erzählungen der Zeugen ziehen mich in die Erlebnisse rein.
Die Erzählungen der Zeugen ziehen mich in die Erlebnisse rein.

So stehe ich plötzlich in meiner alten Wohnung und schaue zu den Nachbarn rüber. Oder ich befinde mich in einem NS-Stützpunkt und werde Zeuge eines schrecklichen Mordes. Diese Szenen sind intensiv, oft beklemmend – und sie machen die Erzählungen lebendig, ohne sie zu inszenieren.

Wenn ich genug Beweise gesammelt habe, führe ich Verhöre. Ich stelle den Beschuldigten Fragen, konfrontiere sie mit ihren eigenen Aussagen oder Beweisen, die ihre Lügen entlarven. Was mir hierbei fehlt, ist eine Art Notizblock, in dem ich frei meine Gedanken festhalten kann.

Auf einem Grundriss des Tatorts rekonstruiere ich den Fall.
Auf einem Grundriss des Tatorts rekonstruiere ich den Fall.

Am Ende jedes Falles stelle ich die Anklageschrift zusammen: Welche Aussagen belegen das Verbrechen? Welche Beweise sprechen wofür? Wer trägt die Verantwortung? Das Spiel prüft vor Gericht meine Argumentation. Ich muss entweder das richtige Dokument aus einer Auswahl von drei Dokumenten finden oder ich kombiniere drei Indizien aus meinen gesammelten Hinweisen.

Das klingt erstmal einfach – ist es aber nicht. Oft liegen mehrere Texte, Protokolle und Berichte vor mir. Manche widersprechen sich, andere sind vage formuliert. Ich muss genau hinsehen: Was ist eine echte Belastung? Was ist nur Hörensagen? Und welche Aussagen ergänzen sich so, dass sie gemeinsam ein klares Bild ergeben?

Ich sammle Dokumente, Berichte und Protokolle, fülle damit meine Fallakte, um diese später als Beweise vor Gericht verwenden zu können.
Ich sammle Dokumente, Berichte und Protokolle, fülle damit meine Fallakte, um diese später als Beweise vor Gericht verwenden zu können.

Diese Beweisführung ist das Herzstück des Spiels. Wenn ich danebenliege, wird meine Argumentation zurückgewiesen – das fühlt sich unangenehm an, aber es motiviert. Ich will es besser machen. Ich will, dass meine Anklage Bestand hat.

Für eine stichhaltige Beweisführung muss ich drei passende Dokumente zu einer Schlussfolgerung zusammenfügen, um meine Theorie zu bestätigen.
Für eine stichhaltige Beweisführung muss ich drei passende Dokumente zu einer Schlussfolgerung zusammenfügen, um meine Theorie zu bestätigen.

Karg, kühl, kraftvoll: Die Atmosphäre von «The Darkest Files»

Was mir sofort aufgefallen ist: «The Darkest Files» schreit mich nicht an. Es flackert nicht, es poltert nicht. Stattdessen wirkt es leise – und gerade deshalb so eindringlich. Die Präsentation ist zurückhaltend, fast karg, aber unglaublich stimmig.

Das Spiel setzt auf eine Comic-Grafik im Noir-Look, der die düstere Stimmung gut einfängt. Sie ist reduziert und stilisiert. Menschen wirken kantig, Gesichter fast puppenhaft – doch das ist keine Schwäche, sondern ein bewusster Kunstgriff. Er schafft Distanz zu den dargestellten Grausamkeiten, ohne sie zu verharmlosen. Es verhindert Voyeurismus und lädt stattdessen zum Nachdenken ein.

Der Grafikstil des Spiels gefällt mir ausgezeichnet. Er vermittelt die düstere Stimmung perfekt.
Der Grafikstil des Spiels gefällt mir ausgezeichnet. Er vermittelt die düstere Stimmung perfekt.

Die Farben sind gedeckt – viel Grau, Blau, Ocker, blasses Licht. Die Räume, in denen ich mich bewege, wirken nüchtern und authentisch: Behördenflure, Büros, das Archiv, der sterile Verhörraum. Kein Detail zu viel, nichts lenkt ab.

Auch der Ton ist zurückhaltend, aber wirkungsvoll. Eine dezente musikalische Untermalung begleitet mich durch die Fälle – Klavier, Streicher, düstere Klangflächen. Manchmal gibt es bewusst lange Momente der Stille, und genau dann spürt man das Gewicht der Geschichte umso mehr.

Die Farben innerhalb der Zeitzeugenberichte sind noch etwas dunkler gehalten. Schwarz und Grau überwiegen hier.
Die Farben innerhalb der Zeitzeugenberichte sind noch etwas dunkler gehalten. Schwarz und Grau überwiegen hier.

Was mich besonders beeindruckt hat, war die Sprachausgabe: Sie ist hervorragend. Die Sprecher und Sprecherinnen treffen genau den richtigen Ton – sachlich, glaubwürdig, aber nie distanziert. In manchen Verhörsituationen hatte ich Gänsehaut, einfach nur, weil das gesprochene Wort so viel trug. Allerdings ist sie nur auf Englisch, wahlweise mit deutschen Untertiteln. Mich hat dies nicht gestört, aber es ist etwas schade, wenn man bedenkt, dass das Spiel in Deutschland spielt.

Alles an der Präsentation wirkt durchdacht: Nichts will glänzen, alles will wirken. Und das tut es.

Das Opfer Hans Naumann vor seiner Hinrichtung. Die Bilder sind schlicht, aber durchdringend und intensiv.
Das Opfer Hans Naumann vor seiner Hinrichtung. Die Bilder sind schlicht, aber durchdringend und intensiv.

Zwei Fälle, ein Epilog – und ein Erlebnis, das bleibt

«The Darkest Files» ist kein Mammutspiel – und will das auch gar nicht sein. Die Geschichte ist bewusst kompakt gehalten: Es gibt zwei Fälle, die sich jeweils über ein Kapitel erstrecken, und zum Abschluss einen kurzen, aber stimmungsvollen Epilog mit einem moralischen Twist.

Für den ersten Fall muss ich vor Gericht fünf Theorien beweisen.
Für den ersten Fall muss ich vor Gericht fünf Theorien beweisen.

Ich habe etwa zehn Stunden gebraucht, weil ich gründlich gelesen, viele Dokumente verglichen und mir in den Verhören Zeit gelassen habe. Dazu habe ich mir immer wieder Notizen für diesen Test aufgeschrieben und vor Gericht mehrere Beweisführungen ausprobiert. Wer aber auf dem niedrigeren «Story»-Schwierigkeitsgrad spielt – also mit mehr Hilfestellungen und klareren Hinweisen – kann auch in etwa fünf Stunden durch sein. Für alle, die es etwas anspruchsvoller und «offener» mögen, gibt es den «Ermittler»-Modus, bei dem man mehr selbst kombinieren und interpretieren muss.

Trotz der eher kurzen Spielzeit hatte ich nie das Gefühl, etwas würde fehlen. Die Fälle sind dicht erzählt, inhaltlich stark und vollgepackt mit historischen Details.

Was bringt einen Mann zum Lügen? – Fritz Bauers Frage steht sinnbildlich für den Kampf gegen das Schweigen der Täter.
Was bringt einen Mann zum Lügen? – Fritz Bauers Frage steht sinnbildlich für den Kampf gegen das Schweigen der Täter.

«The Darkest Files» wurde mir von Paintbucket Games zur Verfügung gestellt. Das Spiel ist seit dem 25. März für den PC verfügbar.

Fazit

Selten hat mich ein Spiel so überzeugt – und bewegt

«The Darkest Files» ist ein eindringliches, narratives Ermittlungs-Adventure im Comic-Grafik-Stil mit Noir-Look, das sich mutig und ernsthaft mit einem dunklen Kapitel der deutschen Geschichte auseinandersetzt: der juristischen Aufarbeitung nationalsozialistischer Verbrechen im Westdeutschland der 1950er Jahre.

Das Spiel nähert sich diesem sensiblen Thema mit der nötigen Ernsthaftigkeit, ohne dabei in Pathos oder Vereinfachung zu verfallen. Die Erzählung bleibt stets glaubwürdig, getragen von realitätsnahen Figuren, echten historischen Bezügen und einer spürbaren moralischen Dringlichkeit. Dabei verzichtet das Spiel bewusst auf klassische Unterhaltungselemente und setzt stattdessen auf emotionale Tiefe, historische Genauigkeit und eine stille, aber intensive Inszenierung.

Die Spielmechanik legt den Fokus auf Recherche, Beweisführung und Verhöre. Die Kombination von Aussagen und Indizien ist fordernd, aber sinnvoll gestaltet und belohnt sorgfältiges Arbeiten. Trotz der relativ kurzen Spielzeit wirken die behandelten Fälle dicht erzählt und inhaltlich überzeugend. Präsentation und Audio sind bewusst zurückhaltend gestaltet, schaffen aber eine intensive Atmosphäre.

Pro

  • relevantes, historisch fundiertes Thema
  • starke Erzählstruktur mit emotional berührenden Momenten
  • interessante Ermittlungsmechanik
  • stilvolle, stimmige Präsentation im Comic-Noir-Look
  • hervorragende englische Sprachausgabe

Contra

  • keine deutsche Sprachausgabe trotz deutschem Setting
  • relativ kurze Spielzeit (5 bis 10 Stunden und nur zwei Fälle)
Titelbild: Paintbucket Games

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